Warum Achtsamkeit nicht „Gleichgültigkeit“ bedeutet

Alle reden von Achtsamkeit. Plötzlich wird dieser Begriff in jedem erdenklichen Zusammenhang erwähnt. Fast entsteht der Eindruck, dass Achtsamkeit zum Modebegriff verkommen ist. Modebegriffe haben die Eigenschaft, dass sie zum Unwort werden. Das wäre im Falle der Achtsamkeit sehr schade. Denn Achtsamkeit hat etwas mit Achtung zu tun, mit Langsamkeit, mit Respekt und mit Präsenz. Und: es bedeutet keineswegs, einfach zu allem Ja zu sagen.

In der Präsenz die eigene Wahrnehmung (vorerst mal für sich selbst) zu schärfen, ist wohltuend.

Weg mit dem Mobile, weg mit der Reizüberflutung, weg mit Bewertungen. Hin zur wertfreien Betrachtung, hin zur Kontemplation, hin zur Langsamkeit und Präsenz, hin zu liebevoller Akzeptanz (zum Beispiel, dass ich so bin wie ich bin), hin zur Wahrnehmung.

Wertfrei und gleichgültig sind zwei Paar Schuhe. Denn etwas nicht zu bewerten, kann entlasten (vor allem das Nervensystem). Die Wahrnehmung ist vorhanden und ich gewähre einen bewusst gewählten Moment der emotionalen Distanz. Wäre ich gleichgültig, würde ich nicht mal meine Emotion wahrnehmen können.

„Das geht mir am A….. vorbei“ ist ein gängiger Ausdruck und drückt bestimmt nicht Gleichgültigkeit aus. Wegsehen hat auch nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Gleichgültige Menschen halten ihre Emotionen so unter Verschluss, dass sich emotional nichts bewegt. Als Schutzmechanismus ist dies durchaus nachvollziehbar und für gewisse Momente sicher hilfreich. Auf lange Sicht kann dies zum Problem werden, es sei denn, im Umfeld wird Gleichgültigkeit geschätzt und ist ein gängiges Verhalten… Gleichgültigkeit kann durchaus zelebriert werden, obwohl die Gefühle im Innern hochkochen.

Achtsamkeit bedeutet auch nicht, zu allem Ja zu sagen. Es kann durchaus auch bedeuten, sich bewusst abzugrenzen. In unserer Gesellschaft wird Abgrenzung oder eine klare Position zu beziehen, oft negativ bewertet. Abgrenzung mit Achtsamkeit hat etwas damit zu tun, dass die Person zu sich selber schaut. Selbstfürsorge ist sehr wichtig, denn ohne Selbstfürsorge können wir nicht authentisch agieren und handeln oft gegen uns selbst.

Achtsame Menschen werden oft dahingehend interpretiert, dass viel Toleranz und Akzeptanz für Situationen aufgebracht werden muss, auch dann, wenn dies nicht angebracht ist. Es geht immer um eine innere Haltung: Handle ich gegen etwas oder für etwas. Für mich ist dies ein entscheidender Unterschied. Ich kann durchaus achtsam sein, wenn ich eine Entscheidung fälle, die für andere nicht angenehm ist. Empfinde ich selber eine Haltung, Aussage oder Entscheidung des Gegenübers als unangenehm, liegt es wiederum an mir, mich mit meinen Werten auseinanderzusetzen und zu reflektieren.

Unser dynamisches Leben, um es mal positiv auszudrücken, lebt von Tempo und Druck. Die Zeit für Musse, Kontemplation, Sinnfindung und Kreativität bleibt oft auf der Strecke. Genau deshalb ist Achtsamkeit schon fast subversiv und notwendig: ich darf SEIN. Wundervoll.

Ich wünsche Ihnen einen achtsamen Tag!